Montag, 3. Oktober 2011

BRUNO vs. SCHNAPPI

"Schnappi, das kleine Krokodil" mag als Kinderlied akzeptabel sein. Als Platin-Hit in der Hot Rotation aller großen deutschen Pop-Sender war es im Jahr 2005 eine akustische Umweltverschmutzung, die wie saurer Regen aus den Radios rieselte und sich in die Gehörgänge ätzte. Soweit ich weiß, ist niemand unmittelbar daran gestorben. Es hätte mich aber nicht überrascht.

In Australien stirbt fast jedes Jahr ein Mensch im Rachen eines "Salties", eines Leistenkrokodiles. Diese Tiere gehören zu den Archosauria, sind also entfernte Verwandte der Dinosaurier, offenbar aber deutlich anpassungsfähiger, denn im Gegensatz zu ihren ausgestorbenen Vettern haben sie bisher alle Naturkatastrophen einschließlich Mensch überlebt. Ihre Vorfahren lauerten schon vor knapp einer Viertelmilliarde Jahren auf Beute - und diese lange, blutige Geschichte sieht man den heutigen Krokodilen auch an. Atavistische Monster von bis zu sechs Metern Länge, mit drachenhaften Panzerplatten gerüstet, im starren Blick die Grausamkeit des endlosen Überlebenskampfes. Höchstwahrscheinlich denkt ein Krokodil sich gar nichts dabei, wenn es wie eine Wasser-Luft-Rakete durch die Oberfläche bricht und mit seinen absurd großen Kiefern das überraschte Opfer schnappt. Und empfindet auch nichts. Außer vielleicht Hunger. Aber wer sowas mal live aus der Beuteperspektive gesehen (und überlebt) hat, weiß, wie sich Urangst anfühlt. Nicht gut.

1971 gab es in Australien noch etwa 3.000 Salties. Dann wurde die Jagd stark eingeschränkt. Gleichzeitig entdeckte die Modeindustrie, dass Handtaschen auf Krokodilfarmen schneller und makelloser wachsen als in der Wildnis. Positive Folge dieses Profitstrebens: Heute schwimmen in den Gewässern down under wieder 80.000 Leistenkrokodile herum, weil sich Jagd und Wilderei nicht mehr lohnen. Gleichzeitig ist aber die Bevölkerungszahl auf über 20 Millionen Menschen geklettert. Dazu kommen noch Millionen überhaupt nicht individueller Individualtouristen, die in jedem noch so abgelegenen Billabong herumplanschen. Kurz gesagt: Krokodile und Menschen begegnen sich öfter, als gut wäre. Um die Verluste auf beiden Seiten möglichst gering zu halten, werden verhaltensauffällige Problemkrokodile gefangen. Einige bekommen einen Sender und werden wieder ausgesetzt, um die Wanderwege der Reptilien zu erforschen. Das erläutern wir in unserem Film und "Bruno" (Foto) ist mein Beispielkrok. Ein eindrucksvolles Vieh, ich musste mich ganz schön überwinden, um mit ihm ins Wasser zu steigen, obwohl sein Maul zugebunden war. 200 Kilogramm Körpergewicht und ein muskulöser Schwanz sind auch schon ziemlich respekteinflößend. Trotzdem: Lieber Bruno als Schnappi. Klare Sache.




Kommentare:

Patrizia hat gesagt…

*lach* Wenn man den Artikel so liest, könnte man meinen, du kannst Krokodilen nicht sonderlich viel Positives abgewinnen ...
Ich persönlich finde diese Tiere einfach wunderschön und herrlich - andererseits finde ich auch Comodo-Warane goldig (bis auf den giftigen Sabber), so dass ich vermutlich kein guter Indikator bin. ;-p
Über diese Croc-Farms hab ich schonmal eine Reportage gesehen und fand es sehr gut, dass man die Industrie somit bedient, ohne noch mehr (wilde) Krokodile zu töten. Letztendlich ist es auch nicht anders, als Hühner für unser Abendessen zu züchten/schlachten.
...
Und wenn es ab und an einen dieser "netten", "individuellen" Touristen kostet, der vermutlich einer von denen ist, die auch mit 5 kg Sonnencreme im Great Barrier Reef schwimmen gehen und darauf bestehen, dass ein Hai gefangen/getötet/aufgeschlitzt wird, wenn eines der Tiere einen Schwimmer/Surfer erwischt hat, kann ich auch nicht behaupten, dass ich dem Croc böse bin! Man muss auch nicht jeden Tümpel zu seinem persönlichen Pool machen!
...
P.S.: Na toll! Jetzt bekomme ich dieses dämliche Lied seit über einer Stunde nicht mehr aus den Ohren. DANKE!!! *grummel*

autorisierten Nutzern hat gesagt…

Nein, nein, ich mag Krokodile ganz gern, auch wenn sie, wenn man mit ihnen schwimmen geht, ziemlich respekteinflößend sind. Und ja: Das Lied im Ohr ist schlimm!
Gruß aus Tasmanien
DS

Patrizia hat gesagt…

Ja, OK; wenn plötzlich eines neben einem herschwimmt, kriegt man bestimmt erstmal einen Schreck. Umso unverständlicher, dass viele Leute diese Art von Respekt anscheinend nicht verspüren.
Trotzdem würde ich die Tiere gerne mal persönlich in ihrer freien Wildbahn sehen (ein Grund, wieso ich dich um deinen Job beneide)!

Betty hat gesagt…

Also ich bin ganz froh darüber, dass die Tiere noch nie neben mir geschwommen sind, denn sonst wäre ich wohl eher nicht mehr hier an meinem Laptop :)
Aber vom schönen, warmen Wohnzimmer mit gefülltem Magen hört sich dein Job echt beneidenswert an :)
Wenn ich an die vielen Stunden denke an welchen man ruhig im Gebüsch liegen muss um eine Szene so in den Kasten zu bekommen wie man das will und wenn es dann ins Zelt rein regnet bzw. wenn es draußen richtig kalt ist und wenn ich an die vielen brenzligen Situationen denke !?!?!

Anonym hat gesagt…

"Schnappi, das kleine Krokodil" mag als Kinderlied akzeptabel sein. Als Platin-Hit in der Hot Rotation aller großen deutschen Pop-Sender war es im Jahr 2005 eine akustische Umweltverschmutzung, die wie saurer Regen aus den Radios rieselte und sich in die Gehörgänge ätzte. ..."

Das Lied war hier schon wieder "out", da war ich oberhalb des Polarkreises unterwegs -finnisch Lappland- und in einem Supermarkt lief dann dieses Lied ... auf deutsch! Einfach schrecklich, war dann wieder froh in der Einsamkeit am See zu sein. Aber auch Ramstein hört man dort im Radio - auch nicht besser. Die Finnen scheinen auf deutsche Musik zu stehen :-) . Krokodile find ich übrigens faszinierend!

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